4

 

 

Eine Och-Greisin kam in die Ecke der Höhle, in die mich die Phokaym mitsamt den blutroten Fesseln geworfen hatten. Ihr gebleichtes Haar hing in wirren Strähnen herab. Sie hielt den übelriechenden Wasserbehälter mit den mittleren Greifgliedern und schöpfte mit einer ihrer oberen Hände den Schaum vom Wasser, während die andere den Steinlöffel hineintauchte und mir die Flüssigkeit zwischen die Lippen träufelte.

»Du sollst frisch und munter sein für die Voryasen.«

Der Löffel war ein einfaches gerundetes Steinstück, das an einem Ende ausgehöhlt worden war. Der größte Teil des Wassers rieselte in meinen Bart – der länger und wirrer war, als ich es sonst zuließ – doch die Tropfen, die ich trotz des üblen Geruchs schluckte, schmeckten besser als der vorzüglichste Zond-Wein.

Die Och-Frau machte keinen Versuch, mich zu befreien. Beim geringsten Geräusch zuckte sie zusammen, schloß die Augen und zog den Kopf ein. Sie träufelte mir mehr Wasser ins Gesicht, als ich trinken konnte, doch schließlich fühlte ich mich ein wenig erfrischt. Ich stellte ihr ungeduldige Fragen, und als ich mich soweit im Griff hatte, daß ich sie beruhigen konnte, vermochte sie zu sprechen, wenn auch stockend und mit angstvollen Blicken über die Schulter. Draußen schienen sich zahlreiche Menschen zu bewegen, Stein tönte auf Stein. Die Sonnen waren untergegangen, doch es war noch immer heiß.

»Die Klackadrin.« Die alte Och-Frau seufzte. Sie hieß Ooloo. Sie hatte keine klare Erinnerung an ein früheres Leben; doch mußte sie irgendwie in diese Gegend gebracht worden sein, wenn sie nicht hier geboren war. Aber sie erinnerte sich nicht. »Die Klackadrin. Böse Geister wohnen hier. Niemand kann sie durchqueren – nur die Straßen ... nur die Straßen ...«

Wie viele arme Teufel hatten schon über die Straße zu fliehen versucht – und waren von den schrecklichen Phokaym auf dem Rücken ihrer Risslacas wieder eingefangen und den Voryasen zum Fraß vorgeworfen worden?

»Teufel sind das«, murmelte sie und warf einen entsetzten Blick zum Höhleneingang. Die Klackadrin, so berichtete sie, lag nicht weit entfernt im Osten, eine Barriere, die ziemlich unregelmäßig verlief, die sich aber in allgemeiner Nord-Süd-Richtung bis weit nach Nordturismond hinein erstreckte und ihrer Meinung nach erst tief im Süden endete, vielleicht erst am Cyphrischen Meer, wo der Zimstrom die Küste berührte.

»Böse Träume, Alpträume, Wahnsinn – das bringt die Klackadrin. Es gibt dort Ungeheuer ... Ungeheuer ...« Sie schloß die Augen. Ich hatte lange nichts mehr gegessen, und als ich etwas von ihr erbat, brachte sie mir ein rohes Stück Opossum-Fleisch, das mir helfen konnte, bei Kräften zu bleiben. Es war strähnig und hart.

»Vielleicht gehen die Phokaym eines Tages fort und lassen uns endlich in Frieden«, sagte Ooloo. Aber es war klar, daß sie daran nicht mehr glaubte.

Indem ich es immer wieder versuchte, vermochte ich schließlich meine Finger in den blutroten Fesseln ein wenig zu bewegen. Ich bemühte mich weiter, wobei ich in wohlabgewogenem Takt einen Muskel nach dem anderen bewegte und auf diese Weise den Blutkreislauf in Gang zu halten versuchte. Wenn ich fliehen wollte, hatte ich keine Zeit, mich erst von den Nachwirkungen der einschnürenden Fesseln zu erholen.

Ich war gerade mit meinen Oberarmen beschäftigt, als waffenklirrend die Phokaym eintraten, um mich zu holen.

»Die Voryasen!« flüsterte die alte Ooloo. Als ich mit viel Geschrei ins Freie gezerrt wurde, sagte sie: »Jikai! Jikai!«, und ich glaubte sie schluchzen zu hören.

Wir Krieger fanden die Ochs immer ein wenig lächerlich, wenn sie mit ihren kleinen, runden Schilden zum Kampf antraten, doch seit meiner Begegnung mit der alten Ooloo in der stinkenden Höhle der Phokaym sind diese Wesen in meiner Achtung gestiegen.

Wolken trieben am Himmel dahin, und die Frau der Schleier, der vierte Mond, glänzte heller als sonst, während die Jungfrau mit dem Vielfältigen Lächeln, der erste Mond, bereits tief über der Owlarh-Öde stand.

Die Sklaven der Phokaym waren in erster Linie mit dem Sammeln von Nahrung und der Herstellung von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen beschäftigt. An diesem Abend sollte nun ein besonderes Schauspiel stattfinden, eine Gelegenheit für die Phokaym, ihre absolute Macht zu demonstrieren. Ein Mann sollte den Voryasen zum Fraß vorgeworfen werden. Dementsprechend wurden mehr Fackeln als üblich angezündet, die Sklaven wurden aus der Umgegend herbeigerufen, und zahlreiche krumme Äste, die mühsam gesammelt worden waren, wurden von den Phokaym in Brand gesteckt, um die Feier zu erhellen.

Auch zahlreiche Phokaym hatten sich eingefunden, und ich sah, wie Steinkrüge von Klaue zu Klaue wanderten. Schuppen glitzerten im Licht der Fackeln. Es war schwierig auszumachen, wo die künstliche Panzerung begann und die schuppige Haut der Phokaym aufhörte. Ich wurde zum Rand einer tiefen Grube gezogen. Über der Öffnung waren einige Stützen zusammengebunden und bildeten eine Art Kran. Die Phokaym näherten sich der Grube. Ich wurde mit dem Kopf nach unten an den gefesselten Fußgelenken aufgehängt – an einem aus trockenen Fasern geflochtenen Seil. Rotes und orangefarbenes Fackellicht beleuchtete die Szene und ließ zwischen den Felsen und kärglichen Büschen unheimliche Schatten zucken.

Dann wurde ich hochgerissen. Ich hing mit dem Kopf nach unten am Seil und drehte mich hin und her. Der Kranarm wurde gedreht, und ich schwebte über der Grube. Ich blickte nach unten.

Ein Voryas ist eine Abart der Risslaca, die aus einem Alptraum stammen könnte – halb Krokodil, halb Tylosaurus, ein riesiges Maul voller Zähne, ganz Maul und Muskel, dazu ein wendiger, schuppenbedeckter Körper und ein stumpfer Schwanz.

Ich war gefesselt und somit völlig hilflos, obwohl ich meine sämtlichen Waffen bei mir hatte. Mit dem Kopf voran pendelte ich über der wassergefüllten Grube, in der es von den Scheusalen wimmelte. Die Wesen erhoben sich zischend und fauchend von der Wasseroberfläche, die Reihen ihrer Zähne schimmerten, die bösen Augen glühten rot und starrten mich entschlossen an.

Die Phokaym vergnügten sich.

Sie ließen das Seil nach, so daß ich mich der Wasseroberfläche näherte. Die Voryasen begannen hochzuspringen – riesige Schuppengestalten, die mattgrün und braun schimmerten und wütend fauchend zurückfielen, als das Seil hastig wieder angezogen wurde.

Und wieder ging es hinab und hinauf, und die Voryasen sprangen und tobten, und die Welt rötete sich mit all dem Blut, das mir zu Kopf stieg, und meine Augen drohten aus ihren Höhlen zu treten; mein Körper wurde allmählich gefühllos.

Mit einer gewaltigen Anstrengung vermochte ich mich hochzuwenden und nach oben zu blicken. Ein Phokaym, dessen Fänge nicht weniger gierig blitzten als die Mäuler der Voryasen unter mir, hielt eine rauchende Fackel in der Hand. Die grellen Flammen berührten das Seil, das mich über der Grube hielt.

Wütend kämpfte ich gegen die blutroten Fesseln, die aber nicht nachgaben.

Wenn ich zur Seite schwingen konnte, erreichte ich vielleicht den Stützpfeiler des Balkens, an dem ich hing. Der Gestank, das Geschrei, die Kakophonie der tödlichen Zeremonie – dies alles ließ mich schwindeln. Ich war hilflos. Unter mir sahen die Wasserungeheuer den Fackelschein, und ihr Zischen verstärkte sich.

Sie wußten, was geschehen würde, wenn sich das Feuer durch das Seil fraß.

Sie wußten es!

Ich schwitzte, alles wirbelte um mich. Ein einziges Zuschnappen der riesigen Gebisse, und ich war in zwei Hälften geteilt!

Auf eine Rettung in letzter Minute konnte ich nicht hoffen. Es gab auf weite Entfernung niemanden, der mir helfen konnte – niemanden auf Kregen!

Ich sah, wie einige geschwärzte Fasern des Seils rissen und sich wie abgebrannte Streichhölzer zur Seite ringelten. Das Licht der Fackeln stach mir in die Augen.

Das Kreischen der Phokaym gellte mir schmerzhaft in die Ohren. Ich schwang herum. Mein Mund war aufgerissen, und als ich sah, wie die letzte Faser riß, brüllte ich los ...

 

An dieser Stelle sind die Bänder aus Afrika zu Ende. Der folgende Bericht, den Bändern aus Südamerika entnommen, behandelt spätere Abenteuer Prescots auf Kregen. Das erste Band beginnt mitten in einem Satz. Zuvor erklingen einige undeutliche Geräusche; Gelächter und – vermutlich – das Knallen von Champagnerkorken. Dies paßt durchaus zu Prescot – wie Sie selbst wissen, wenn Sie seiner Schilderung bis hierher gefolgt sind.

Der Autor, der mir bei der Bearbeitung der Bänder eine wertvolle Hilfe gewesen ist, ein international bekannter Schriftsteller, bemerkte zu dieser Stelle – und ich glaubte Bewunderung in seinem Blick festzustellen: »Dray Prescot hat hier erfolgreich einem der ältesten klassischen Klischees gehuldigt.«

»Natürlich«, sagte ich. »Das entspricht seinem Stil.«

Ich frage mich allerdings, ob wir je erfahren werden, was am Anfang dieser Kassette nicht richtig aufgenommen wurde. Wie hat es Dray Prescot geschafft? Wer mit seinen Abenteuern vertraut ist, hat keine Zweifel, daß er es schaffen konnte.

Und dann haben wir noch den Hinweis des Phokaym-Zahns, den Prescot später Pando schenkte. Wahrscheinlich war es ein Souvenir aus der Klackadrin.

Alan Burt Akers

 

... riß mich aus dem leichten Schlummer, in den ich gesunken war, diesmal lauter und drängender. Ich öffnete die Augen, fluchte und streckte eine Hand über das breite, zerwühlte Bett, auf dem das grünrote Licht der Doppelsonne eine Miniaturlandschaft aus Bergen und Tälern bildete. Das Licht spiegelte sich auf dem Griff meines Rapiers, als ich die Waffe packte. Wieder gellte der Schrei die schmale Schwarzholztreppe des Roten Leem herauf. Ich fluchte und stöhnte, denn meine Beine waren noch immer wie Pudding, und mein Schädel dröhnte. Als hätte mich ein Impiter mit seinen pechschwarzen Flügeln gestreift.

»Bei Makki-Grodnos stinkender Achsel – was geht hier vor?« brüllte ich.

Als der dritte Schrei ertönte, erkannte ich Tildas Stimme. Ich taumelte ein wenig und stützte mich am Bettpfosten ab. Der Holzboden mit den bunten Walfarg-gemusterten Teppichen schwankte unter mir wie das Deck einer Fregatte während der Brest-Blockade. Ich schüttelte den Kopf. Um meine Hüfte zog sich das alte rote Lendentuch, das Rapier blitzte in meiner Faust. Hastig griff ich nach der Main-Gauche und ging zur Tür.

Als ich sie erreichte, sprang sie auf, und der junge Pando erschien. Sein Haar war zerzaust, in seinen Augen stand ein roter Widerschein von den Sonnen, sein ganzer Körper war in Bewegung vor Wut und Aufregung. Er brüllte mir etwas zu, seine Worte überstürzten sich, und ein kleiner Dolch in seiner Hand bebte heftig.

»Die Pandriteverlassenen Teufel!« Er tanzte hin und her. »Sie beleidigen Mutter – Dray! Komm! Du mußt mir helfen!«

»Ich komme ja schon, Pando.« Ich marschierte auf den Ausgang los und prallte dabei an den Türpfosten. Pando packte mich am Arm und lenkte mich sicher durch die Öffnung. »Am besten ärgerst du sie nicht mit deinem Zahnstocher, Pando«, sagte ich. »Damit machst du sie nur wütend.«

»Ich töte alle!« kreischte er. Ich durfte nicht vergessen, daß er erst neun Jahre alt war und für ihn die Welt noch säuberlich in Gut und Böse geteilt war.

Als erriete er meine Gedanken, versetzte er mir plötzlich einen Tritt, um mich in Gang zu bringen. Ich wankte auf die Schwarzholztreppe zu, drehte mich um, mein Fuß verhakte sich in einem der Walfarg-Teppiche, und ich polterte Hals über Kopf die Treppe hinab. Unten prallte ich schwer auf.

Durch das Bogentor sah ich im Hauptraum der Schänke den Tresen mit den aufgereihten Amphoren, Glasbechern und zugedeckten Nahrungsmitteln – alles war ordentlich und sauber und wartete auf den Abend, da die Männer und Frauen aus Pa Mejab herbeiströmen würden, um sich unterhalten zu lassen.

Die Hauptattraktion des Lokals wehrte sich gerade gegen drei Männer. Es waren Raufbolde, die ihr Opfer gesucht und gefunden hatten. Während ich mich mühsam erhob und sie verwirrt anstarrte, hielt ich sie für Leemjäger, für Männer aus den Bergen im Westen, Männer, die sich womöglich bis an die Klackadrin heranwagen würden. Sie trugen Leempelze und breite Ledergürtel mit langen Rapieren und Dolchen, dazu hohe Reitstiefel – alles in allem kamen sie mir sehr kampfstark und etwas verschwommen vor.

Ich blinzelte.

Tildas Bluse war über beiden Schultern gerissen, ihre stattlichen Brüste waren entblößt, und die Männer lachten.

»Laßt los, ihr stinkenden Cramphs!« rief Tilda. Ihr langes schwarzes Haar wehte frei um ihren Kopf und hatte große Ähnlichkeit mit den Flügeln eines Impiter. Sie bekam einen Arm frei und versetzte einem Leemjäger einen Schlag in das ledrige, bartumrahmte Gesicht, woraufhin der brüllend zu lachen begann, Tildas Arm zurückdrehte und sein Gesicht nahe vor das ihre brachte.

»Ma Faril, du wolltest nicht für uns tanzen, als wir höflich darum baten – jetzt wirst du dich einer anderen Musik beugen. Hoch die Röcke!«

»Warte, bis wir ihn rausgeholt haben, Rast!« Er entblößte sein Glied.

»Halt!« rief einer der anderen, aber zu spät, denn Tildas nackter Fuß hatte zielsicher getroffen. Der Bursche knickte zusammen wie ein Taschenmesser, umfaßte das edelste seiner Teile und rollte lachend und zugleich keuchend zur Seite.

Ja, es waren Raufbolde – wilde Männer vom Lande, die ihren Spaß suchten. Pando lief an mir vorbei und hieb wild mit dem Dolch nach dem Mann, der seine Mutter festhielt und von hinten unter die Röcke zu kommen versuchte. »Pando!« rief ich besorgt.

Der Mann versetzte Pando einen Rückhandschlag. Der Junge flog gegen einen Tisch, rollte über die Platte und fegte dabei eine Vase mit Mondblumen zu Boden. Der Fremde lachte gutmütig. Als er sich eben wieder über Tilda hermachen wollte, erblickte er mich an der Tür. Ich hielt Rapier und Main-Gauche in den Händen.

Er richtete sich auf und schob Tilda in die Arme des dritten Mannes, der sofort zupackte. Die Frau wehrte sich mit Händen und Füßen.

»Was haben wir denn hier – beim riesigen Armipand?«

Er zog sein Rapier aus der Scheide, und der Dolch folgte nicht minder schnell. Der Mann, den Tilda getreten hatte, richtete sich auf und wandte sich in meine Richtung. Sein Gesicht war noch schmerzverzerrt, Tränen standen ihm in den Augen. Einen Augenblick lang rührte sich niemand im Schankraum des Roten Leem. Ich wußte durchaus, daß ich in einer dummen Lage war. Mein Kopf brummte, als würden mir Ruder über den Kopf gedroschen.

»Du solltest die Dame lieber loslassen«, sagte ich nicht ohne Mühe.

Die Männer lachten. »Ein Tavernenmädchen soll eine Dame sein? Ha! Ha!«

Ich schüttelte verneinend den Kopf – was ein Fehler war. Sämtliche Glocken von Beng-Kishi dröhnten in meinem Schädel.

»Das ist kein Tavernenmädchen, sondern Tilda, die berühmte Unterhalterin – Tänzerin und Schauspielerin. Sie ist kein Abschaum wie ihr!«

»Ho! Ein Großmaul!« Der Anführer der Leemjäger nahm überraschend die Kampfstellung ein. »Ein Angeber mit Rapier und Dolch! Komm, kleiner Mann, unterstreiche deine Worte mit der Schwertspitze!«

Wenn ich sage, daß sich meine Beine wie Gummi anfühlten, stimmt das nicht ganz – ich spürte sie eigentlich überhaupt nicht, und meine Knie schienen weich wie Bananen zu sein. Ich machte einen Schritt vorwärts, und meine Rapierspitze beschrieb zitternde Kreise.

Die drei Männer wollten sich ausschütten vor Lachen.

»Zeig's ihm, wie du es dem Wirt gezeigt hast, Gorlan!«

Nath, der stämmige Wirt, lag hinter einem umgestürzten Tisch am Boden. Ich konnte nur seine Füße und seinen kahlen Schädel sehen. Das Gesicht war abgewandt, doch ein schmaler Blutfaden zog sich über den Boden. Er war nicht tot, denn er stöhnte – doch er mußte einen ziemlich kräftigen Schlag eingesteckt haben.

»Ich bin kein dicker alter Schänkenwirt«, sagte ich.

»Dann wollen wir feststellen, was du bist!« rief Gorlan und ließ seine Klinge vor mir hin und her zucken. Im nächsten Moment griff er an.

Ohne daß ich etwas dazu tat, reagierte mein Dolch. Er zuckte hoch, lenkte die Rapierklinge ab und trieb Gorlan zurück, dessen Gesicht sich plötzlich vor Wut rötete.

»Du elender Cramph!« brüllte er.

Wieder stürmte er vor, wild und kraftvoll, als wollte er mich mit seinem Körpergewicht erdrücken. Meine beiden Klingen schlugen ihn zurück. Metall traf klirrend und kreischend aufeinander, drehte sich in zahlreichen raffinierten Variationen und Wendungen. Er landete einen langen Schnitt an meinem linken Arm, doch dann drückte sich meine Rapierspitze in seinen Hals, und sein Dolch wirbelte durch den Schankraum davon; ich hörte ihn nicht fallen.

»O Gorlan«, sagte ich mit schwerer Zunge, während die Welt einen wilden Tanz um mich vollführte und purpurne und weiße Flecke meine Sicht behinderten. »Armer kleiner Gorlan!«

Er erbleichte. Es war ein wunderbarer Anblick, das dunkle Gesicht bleich werden zu sehen, während mich seine Augen entsetzt anstarrten.

»Dray!« kreischte Tilda.

Ich fuhr nach rechts herum, ließ meinen Rapier einen Winkel von neunzig Grad beschreiben und hielt die Spitze dem Mann entgegen, den Tilda getreten hatte und der sich jetzt mit blankem Schwert auf mich stürzte.

Meine linke Hand fuhr mit der Main-Gauche herum, und meine Faust knallte Gorlan ins Gesicht. Der Mann fiel wie ein Sack in sich zusammen.

Der zweite Leemjäger verhielt seinen Schritt, sein Rapier zuckte vor, und eine Zeitlang umkreisten wir uns. Mit einem Fluch schleuderte der Mann, der Tilda festhielt, sein Opfer von sich, zog ebenfalls seine Waffen und trat mir neben seinem Gefährten entgegen. Meine Augen ließen mich fast im Stich; ich wollte die beiden nicht töten, da sie mich bestimmt auch nicht umbringen wollten. Immerhin war dies eine harmlose Wirtshausrauferei um eine Frau, und sie wußten, daß das pandahemische Gesetz auch in Pa Mejab herrschte. Was mich betraf, so galt dasselbe. Tilda war wirklich eine berühmte Schauspielerin, die in dieser Hafenkolonie Pandahems lebte, weil sie aus Liebe geheiratet hatte und ihr Mann, ein Berufssoldat, getötet worden war, so daß sie sich nun mit ihrem neunjährigen Sohn allein durchschlagen mußte – dies alles sagte den Männern nichts, sie wollten nur ihr Vergnügen haben; mir bedeutete es aber um so mehr.

Also griff ich an, parierte, machte eine Finte und zog ihre Klingen auf meinen Dolch, während ich mit dem Rapier zustieß in dem Versuch, sie kampfunfähig zu machen. Und die ganze Zeit umwirbelte mich dröhnend der Schankraum, und mein Sichtfeld war verschwommen. Mit verzweifelter Anstrengung griff ich auf meine alten doppelhändigen Fechtkünste zurück und vermochte den zweiten Mann zu entwaffnen und mit einem durchtrennten Bizeps abzudrängen.

Der andere Bursche griff jedoch weiter an, und meine schwachen Beine waren nicht schnell genug. Doch wie ein Racheengel erhob sich plötzlich Tilda hinter ihm und hieb ihm einen Krug mit purpurnem Wein über den Kopf. Er ächzte und taumelte vorwärts, und sein Rapier bohrte sich in die Dielen, während er weiterstolperte, als wollte er ein Tänzchen machen, während der Wein ihm den Rücken herunterlief. Die Klinge schwang wild hin und her wie ein umgekehrt befestigtes Metronom.

Wie hypnotisiert von dieser rhythmischen Bewegung brach ich in die Knie, sank langsam vornüber und legte mich neben den Leemjäger – im nächsten Augenblick brach ganz Kregen über mir zusammen.

Dray Prescot 04-Die Armada von Scorpio
titlepage.xhtml
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_000.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_001.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_002.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_003.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_004.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_005.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_006.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_007.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_008.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_009.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_010.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_011.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_012.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_013.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_014.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_015.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_016.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_017.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_018.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_019.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_020.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_021.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_022.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_023.htm
Akers, Alan Burt - Dray Prescot Saga 04 - Die Armada von Scorpio_split_024.htm